Liebe Freund:innen, Interessent:innen, Kund:innen von inscape,
Supervision für Ärztinnen und Ärzte. Was erstmal nach einer Selbstverständlichkeit klingt, gerade bei einem Beruf, der so anspruchsvoll und fordernd ist, auch auf einer emotionalen und zwischenmenschlichen Ebene, ist ein überraschend wenig beleuchtetes Thema. Denn trotz ihrer Vorteile, gerade in diesem Berufsfeld, ist die Supervision in Deutschland im Krankenhausalltag erstaunlich wenig verbreitet.
Auch Professor Doktor Norma Jung sieht hier noch Nachholbedarf – und formuliert ihr Ziel offensiv: „Mein Anliegen ist es, Supervision im ärztlichen Bereich salonfähig zu machen.“ Im Oktober bietet sie zusammen mit Ullrich Beumer bei uns am Institut einen Workshop zu dem Thema an. Vorher haben wir für den Schwerpunkt dieser Ausgabe mit der Oberärztin am Universitätsklinikum Köln gesprochen. Am Ende des Newsletters finden sie zudem wie gewohnt wieder die wichtigsten bei uns anstehenden Termine.
Supervision als Entlastung
Laut Thomas Lion ist es kein Zufall, dass Supervision von Ärzt:innen vergleichsweise wenig in Anspruch genommen wird. Der Medizinhistoriker und Supervisor hat in seinem Fachaufsatz „Supervision im ärztlichen Bereich – eine super Vision?“ herausgearbeitet, wie das Selbstbild von Ärzt:innen – er nennt dabei Begriffe wie (All-) Macht, Allwissenheit, die Figur des ‚Halbgotts in Weiß‘ – schon seit der Antike in kulturhistorischen Narrativen verankert ist.
Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel in der Psychiatrie, der pädiatrischen Onkologie oder Palliativmedizin. Doch die Akzeptanz sinkt laut Studien messbar, je näher man den chirurgischen Fächern kommt. Dort also, wo das Ideal von souveränem, entscheidungsstarkem Handeln am stärksten zum Berufsbild dazu gehört.
Das will Norma Jung ändern. Sie erlebte schon früh als Ärztin auf einer hämato-onkologischen Station, wie hoch der Druck im Alltag ist, wie bewegend manche Situationen und wie weitreichend die Verantwortung. So habe sie das Thema Supervision selbst früh mit den Kolleg:innen in die Hand genommen und dabei auch die Unterstützung ihres Chefs erhalten. Als Norma Jung dann später zur Personaloberärztin aufstieg und regelmäßig Personalgespräche führte, erkannte sie, wie verbreitet der Druck auch bei anderen war – und machte das Thema zu einem ihrer Steckenpferde.
So berichtet sie von einem Workshop beim Deutschen Krebskongress zum Thema Supervision, den sie initiierte: „Innerhalb von nur 75 Minuten wurden – fast spielerisch – jene inneren Konflikte sichtbar, die den klinischen Alltag spürbar erschweren. Genau so wie die Herausforderungen, die durch die raschen strukturellen Veränderungen und wachsende Komplexität für Ärzt:innen und andere Berufsgruppen im medizinischen Bereich entstehen. Hier war nochmal klar ersichtlich, welch großer Bedarf nach einem geschützten Reflexionsraum eigentlich besteht.“
Aus der Sicht von Norma Jung könnten dabei gerade die Chefetagen zu einer viel benötigten Normalisierung beitragen: „Wenn ich als Führungskraft einer Universitätsklinik in der Medizin sage, das ist wichtig, dann hat das auch so einen Role Model-Charakter. Ich selber habe jetzt eine Position, wo ich das sagen kann, ohne dass die Leute mich als schwach oder klein wahrnehmen. Und so kann ich auch anderen den Rücken freihalten, damit sie selbst Supervision in Anspruch nehmen können.“
Rollenklarheit als wichtiges Kriterium
Ein zweites Wirkmoment der Supervision liegt in der Rollenreflexion, dies gilt insbesondere in Kliniken. Denn hier sind Ärzt:Innen oft zusätzlich Führungskräfte. Eine Reflexion der verschiedenen Rollenanteile kann also besonders wirksam sein. Auch Norma Jung hat diese Erfahrung gemacht und nennt als Beispiel eine Gruppensupervision, die sie selbst als Supervisorin initiiert habe. Dort listeten die Ärzte und Ärztinnen ihre täglichen Rollen auf: Vorgesetzte, Ausbilder:innen, Ansprechpartner:innen für Patient:innen, Verwaltungsinstanz und natürlich Kolleg:innen. Das Bild, das dabei entstand, zeigt, was möglich ist: „Alleine dieses bewusst machen, was wir da genau leisten, auch ohne, dass es eine große Änderung gibt, hat schon zu einer enormen Entlastung geführt“. Darüber hinaus sei ein Ziel von Supervision im Krankenhauskontext, einen Weg aus dem zu finden, was Norma Jung eine ‚zum Teil bestehende Ohnmacht‘ nennt, um wieder eine Selbstwirksamkeit zu erleben.
Norma Jung selbst hat die inscape Coaching-Ausbildung absolviert, gefolgt von der inscape Supervisionsweiterbildung, und sagt rückblickend: „Ich habe mich als Kolibri wahrgenommen." Die Ausbildungsgruppe habe aus Menschen mit den unterschiedlichsten professionellen Hintergründen bestanden. Sie nennt soziale Berufe aber auch einen Journalisten, Pfarrer und einen Koch. Sie sei die einzige Medizinerin gewesen. Eine Erfahrung, die spannend und produktiv zugleich gewesen sei. So richtet sich der Workshop „Supervision für Ärztinnen und Ärzte” am 9. und 10. Oktober, der zudem zwei zusätzliche Supervisionstermine beinhaltet, und von Norma Jung zusammen mit Ullrich Beumer angeboten wird, bewusst an alle Mediziner:innnen, nicht nur an jene, die als Klinikärzte arbeiten oder schon Vorerfahrung mit Supervision haben. Denn gerade von einer solch breit aufgestellten Gruppe lässt sich profitieren, das zeigt ja auch die Erfahrung von Norma Jung.
Das Ziel des Workshops sei es, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Supervision wirklich zu Erleichterung und Rollenklarheit führen kann: durch Supervisionseinheiten kombiniert mit konkreten Methoden und theoretischem Hintergrund. Dazu wird unter anderem mit dem Rollogramm gearbeitet und am „schwierigen Gespräch“. Einen Schlüsselsatz hierfür hat Norma Jung aus der Palliativmedizin mitgebracht: „Was bedeutet das für Sie?“ Die Frage klingt trivial – bis man sich vor Augen führt, was sie auslösen kann. Denn oft gebe es Missverständnisse im Arzt-Patient-Kontakt. Als Beispiel nennt Norma Jung eine Patientin im fortgeschrittenen Tumorstadium. Sie wurde vom Team als jemand wahrgenommen, die den Ernst ihrer Lage nicht verstehe. Erst als Norma Jung nachfragte, was sie meine, wenn sie sage „Ich will leben“, antwortete die Patientin: „Ich weiß ganz genau, ich sterbe bald. Aber ich will noch dieses eine Fest erleben, und dafür kämpfe ich jetzt.“ Der Satz war also kein Zeichen von Verdrängung, auch wenn er im ersten Augenblick so wirken konnte.
Generell spielen im Krankenhausalltag, wie auch in anderen Organisationen, die Themen Angst und Macht eine große Rolle. Norma Jung nennt als Beispiel den aktuellen Wandel durch Gesundheitsreformen und die Unsicherheit, die dadurch ausgelöst wird. Und auch wenn Macht oft als Problem wahrgenommen werde, habe sie doch eine wichtige organisationale Funktion: Denn ein Machtvakuum, so Norma Jung, kann genauso störend sein wie Machtmissbrauch. Auch wenn Kliniken nochmal ein besonderer Ort sind, und Supervision hier eine wichtige Funktion bei der gemeinsamen Reflexion einnehmen kann, tauchen Themen wie Wandel, Macht, Rollenreflexion und das Besprechbarmachen von Ängsten, auch in anderen Organisationen und vor allem in anderen Führungskräftekontexten auf. Aus unserer Erfahrung hat sich dabei ein Arbeiten, wie es die Supervision anbietet, aber eben auch die psychodynamische Führungskräfteentwicklung, bewährt. Ein Arbeiten also mit Praxissituationen und mit dem, was da ist. Denn gerade dabei ist der Erkenntnisgewinn am größten.
- Arbeitswelten widmet.
- Am 20. bis 22. November geht es mit der Fortbildung zur „Generativen Organisations- und Kulturentwicklung. Psychodynamische Veränderungskompetenz in Führung und Beratung“ los. Fokus sind dabei praktische Fragestellungen der Beratung und Führung von Organisationen.
Anmeldungen zu allen Veranstaltungen können jeweils bei Gabriele Beumer unter Gabriele.Beumer@inscape-international.de vorgenommen werden.
Das ganze Jahresprogramm von inscape finden Sie hier.
Damit verabschieden wir uns für die zweiundreißigste Ausgabe des Newsletters. Die nächste Ausgabe erscheint im Juli.
Herzliche Grüße,
das inscape-Team

