Liebe Freund:innen, Interessent:innen, Kund:innen von inscape,
zum mittlerweile 14. Mal fand Ende März der Kongress für psychodynamisches Coaching an der Uni Kassel statt. Der Titel lautete: „Halten. Gegenhalten. Umschalten. Essenz und Potential psychodynamischer Beratung in Organisationen.“ Mitveranstaltet von inscape – und in diesem Jahr ausgehend von der Annahme, dass gesellschaftliche Krisen, Machtverschiebungen und zunehmende Komplexität die psychodynamische Beratung zwar herausfordern ihr jedoch zeitgleich neue Möglichkeiten eröffnen – widmeten wir uns zwei Tage lang unter anderem der Frage: Welche Rolle spielen Aggression, Autorität und Beziehungsgestaltung in der sich ändernden (Arbeits-)welt und wie können sie neu gedacht werden?
Im Schwerpunkt beschäftigen wir uns mit dem Vortrag der Sozialpsychologin Professor Doktor Eva Jonas und ihrer Forschung zur Bedeutung von sozialen Gruppen – und wie diese angstlindernde und gleichzeitig abgrenzende Identität stiften. Außerdem geht es um Fragen der Autorität, wie sich deren Rolle geändert hat, sich dies auch in Supervision und Coaching spiegelt, und wie ein neues Verständnis davon aussehen kann. Darüber hinaus finden Sie am Ende des Newsletters wie gewohnt die wichtigsten bei uns anstehenden Termine, inklusive eines neuen Workshopangebots zur Supervision für Ärztinnen und Ärzte, das wir in der nächsten Ausgabe nochmal genauer vorstellen werden.
Gruppen lindern Angst
Im Mittelpunkt der Forschung von Professor Doktor Eva Jonas (hier auf dem Bild zur Linken zu sehen) steht die Frage, wie Menschen mit existentiellen Bedrohungen umgehen. Beim Coaching-Kongress sprach sie ausführlich darüber, welche Bedeutung soziale Gruppen als Wege aus der Angst in Zeiten globaler Krisen haben. Hier spielt vor allem die Identifikation mit sozialen Gruppen eine Rolle. So lindert die Annäherung an eine Gruppe – auch wenn sie nichts mit der konkreten Herausforderung zu tun hat – die Angst.
Und zwar mehr als eine eigene Verhaltensänderung. Als Beispiel nannte Jonas den Umgang mit der Klimakrise: Hier können wir zwar unser Einkaufsverhalten verändern. Wirksamer in Bezug auf die Angstlinderung sei es jedoch, sich einer Gruppe anzuschließen. Dabei spielt es weniger eine Rolle, ob die Gruppe sich umweltbezogen formiert und aktiv das Thema angeht, wie in einer Partei oder eine NGO. Oder ob sie sich über ein anderes Thema findet, zum Beispiel in einem Yoga Retreat. So zeigte sich laut Jonas während der Pandemie, dass die Annäherung an eine Gruppe von Impfgegnern stärker die Angst linderte, als dies der Fall war bei einer eigenen Verhaltensänderung, also dem Tragen von Masken oder ähnlichen Maßnahmen.
Angst löst demnach prosoziale Reaktionen aus und die Zuwendung zu einer Gruppe lindert die Angst. Gleichzeitig führt diese Gruppenbildung auch zu antisozialen Reaktionen der Abgrenzung. Bedrohungen verändern also unser Denken. In weiteren Studien konnten Jonas und Kolleg:innen nachweisen, wie schon nur die gedankliche Beschäftigung mit dem Thema Tod unser Verhalten beeinflusst: Proband:innen, die sich vor der Befragung mit dem Thema Tod auseinandersetzten – statt sich wie die Vergleichsgruppe mit dem Thema Zahnschmerzen zu beschäftigten – bevorzugten anschließend Personen der eigenen Gruppe mehr. Zeitgleich werteten sie Mitglieder anderer Gruppen ab.
Zudem nahmen bei ihnen Vorurteile und Aggression gegenüber Andersdenkenden, Stereotypisierung und Rassismus zu. Auf die Gesellschaftsebene übertragen wird aus ‚Gemeinsam sind wir stärker‘ daher oft leider auch ‚Wir sind besser als die anderen‘. Diese Art von Rückzug auf die eigene Gruppe zeigt sich zunehmend und auf kontinuierliche Weise seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Trotz dieser negativen Folgen, bleibt, so Jonas, die Annäherung an eine Gruppe der wirksamste Weg aus der Angst. Das gilt um so mehr, in einer immer stärker individualisierten Welt und Arbeitswelt.
Das heißt auch, wenn Organisationen durch zahlreiche Reorganisationen selbst zu Quellen der Angst werden, kann die Hinwendung zum Team als Quelle sozialer Identität stabilisierend wirken. Gleichzeitig sollte dabei die gemeinsame Reflexionsfähigkeit gestärkt werden, um den abgrenzenden Effekten entgegen zu wirken. Genau hier kann auch die Aufgabe der psychodynamischen Beratung liegen: Menschen dabei zu unterstützen, gut miteinander in Kontakt zu gehen, und dabei die Gefahr der Abgrenzung und der Stereotypisierung als parallele Dynamik besonders achtsam im Auge zu behalten und sie vor allem auch besprechbar zu machen. So kann psychodynamische Beratung helfen, Spannungen zu benennen, Haltung zu beziehen und Grenzen zu setzen.
Eine Frage der Autorität
Das Haltung beziehen, genauso wie das Setzen von Grenzen, spielen auch bei der Auseinandersetzung mit unserem Verhältnis zu Autorität eine Rolle. Unhinterfragte Autorität wurde nicht ohne Grund von der 68-er Bewegung und anderen Emanzipationsbemühungen angegriffen. Doch heute gibt es auf ganz anderer Ebene oft schamlose Angriffe auf Institutionen und ihre Vertreter:innen. So wird Autorität zum Beispiel auf gesellschaftlicher Ebene in Teilen stark angegangen, wie Anne Brorhilker in ihrem Buch „Cum/Ex, Milliarden und Moral – Warum sich der Kampf gegen Wirtschaftskriminalität lohnt“ herausarbeitet.
Auch in Organisationen und Führungskonzepten zeigt sich heute eine subtile Entwertung oder vielmehr eine Leugnung von Autorität. So setzen moderne Führungskonzepte wie „dienende Führung“ und „die Führungskraft als Coach“ auf kooperative und dialogische, situative, transformative und mitarbeiterorientierte Führung. Auf der anderen Seite wird dann jedoch eine Führungskraft, die einen Präsenztag pro Woche für ihr Team festlegt, schnell als autoritär beschimpft, das Verhalten als übergriffig wahrgenommen. Unter Umständen ist auch die Geschichte der Supervision mit ihrer stark emanzipatorischen Orientierung, die historisch nachvollziehbar ist, ein Teil dieser Tendenz. Denn diese setzte in den frühen Jahren zum Beispiel auf Teamsupervision ohne Führungskraft, genauso wie auf eine generelle Institutions- und Autoritätsskepsis.
So kann Coaching dann auch als alternatives Konzept gelesen werden, welches auf die ausdrückliche Identifikation mit der Institution und deren Zielen setzte. Dabei stärkte das Coaching gleichwohl wiederum die Individualisierung, welche der sozialen Identität in Teilen zuwiderläuft, wie auch Eva Jonas herausgearbeitet hat. Vielleicht braucht es daher ein alternatives Verständnis von Autorität, und zwar eines, das auch der Gemeinschaft dienlich ist. In dem Kontext lässt sich zudem fragen, ob es nicht ein Auflösen des Supervisions- vs. Coaching- Ansatzes braucht und stattdessen gemeinsam Stellung bezogen werden sollte. Die Zeiten könnten es wohl gebrauchen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Ansatz von Reinhard K. Sprenger. Der Managementtheoretiker hat jüngst in der Kursbuch Ausgabe 222 mit dem Titel „Gewaltig autoritär“ einen Vorschlag für ein neues Führungsverständnis vorgelegt. Dabei betont Sprenger, dass es in unserer gesellschaftlichen Situation unwahrscheinlich sei, dass wir ohne eine starke, zukunftsbezogene Führung auskommen, also einer, die sich auch zur Notwendigkeit von Hierarchie bekennt. Er versteht darunter jedoch keine autoritäre Führung im Sinne von streng und von oben herab herrschend. Vielmehr geht es Sprenger um eine autoritative Führung, die klar und konsequent führt, allerdings ohne Zwang, sondern durch Anerkennung und Orientierung, eine Führung also, die auf Zustimmung und Durchsetzung zugleich fußt. Was sich so oder so zeigt: Die Debatte ist wichtig. Denn Gruppen können halten und auffangen, sie haben damit eine enorm wichtige Rolle in einer unsicheren Welt, sie können jedoch auch zu der Form von Autorität beitragen, die wir schon lange gehofft hatten, hinter uns zu lassen. Deswegen gilt es genau hinzuschauen.
- Der Workshop zur „Einführung in die psychodynamische Beratung“ findet am 4. und 5. September statt. Hier werden psychodynamisch inspirierte Methoden vermittelt, sowohl durch kurze Theorieinputs wie auch die Arbeit mit dem praktischen Material der Teilnehmer:innen.
- In der nächsten Ausgabe stellen wir das Workshopangebot „Supervision für Ärztinnen und Ärzte. Von der Macht(losigkeit) zu besserer Selbstwirksamkeit“ genauer vor. Der Workshop findet am 9. und 10. Oktober 2026 in Köln statt.
- Ebenfalls im Oktober, und zwar vom am 16. und 17. Oktober, gibt es den Workshop „Psychodynamische Perspektiven auf New Work, Homeoffice, Desksharing und Co-Working“, der sich auf praktische Weise den unbewussten Dynamiken zwischen Mensch und Raum in modernen Arbeitswelten widmet.
Anmeldungen zu allen Veranstaltungen können jeweils bei Gabriele Beumer unter Gabriele.Beumer@inscape-international.de vorgenommen werden.
Das ganze Jahresprogramm von inscape finden Sie hier.
Damit verabschieden wir uns für die einundreißigste Ausgabe des Newsletters. Die nächste Ausgabe erscheint im Juni.
Herzliche Grüße,
das inscape-Team

